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Lithium - ein besonderes Element bei Long-COVID und ME/CFS

Autorenbild: Dr. med. Kristina Schultheiß
Dr. med. Kristina Schultheiß
20. Mai 2025
11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Okt.

Aktuelle Erkenntnisse zur low dose Lithium-Therapie bei Long-COVID und ME/CFS

Felsen auf ausgetrockneten Salz der Lithium enthält
Dieser Felsen enthält natürlich weit mehr Lithium als bei einer low dose-Therapie gebraucht wird.

Lithium kennen viele Menschen vor allem als Medikament aus der Psychiatrie. Dort wird es seit Jahrzehnten insbesondere zur Behandlung bipolarer Erkrankungen eingesetzt. Doch Lithium ist weit mehr als ein klassischer „Stimmungsstabilisator“: Das Element beeinflusst zahlreiche intrazelluläre Signalwege und wird unter anderem im Zusammenhang mit Neuroprotektion, Neuroinflammation, mitochondrialer Funktion und Immunregulation untersucht.


Diese Eigenschaften haben in den vergangenen Jahren auch Interesse im Zusammenhang mit Long COVID und ME/CFS geweckt. Insbesondere Fatigue, kognitive Einschränkungen („Brain Fog“) und mögliche neuroinflammatorische Prozesse machen Lithium aus theoretischer Sicht interessant.


2024 wurde schließlich eine erste randomisierte, placebokontrollierte Studie zu Lithiumaspartat bei Long COVID veröffentlicht.


Die Ergebnisse sind allerdings deutlich differenzierter, als man angesichts der interessanten Wirkmechanismen vielleicht erwarten würde: Eine niedrigere Dosierung zeigte keinen signifikanten Effekt gegenüber Placebo. Eine anschließende sehr kleine offene Dosisfindungsstudie lieferte bei höheren Dosierungen zwar ein mögliches Signal – dieses ist aufgrund der extrem kleinen Teilnehmerzahl aber keinesfalls ein Wirksamkeitsnachweis.

Was wissen wir also wirklich über Lithium bei Long COVID und ME/CFS?


Was ist Lithium eigentlich?

Lithium ist ein natürlich vorkommendes Alkalimetall. In der Medizin werden Lithiumsalze seit Jahrzehnten eingesetzt, vor allem zur Behandlung und Rezidivprophylaxe bipolarer Erkrankungen.


Dabei wird klassischerweise meist Lithiumcarbonat verwendet.

Die psychiatrische Lithiumtherapie erfolgt mit therapeutischem Drug-Monitoring, da Lithium über die Nieren ausgeschieden wird und eine relativ geringe therapeutische Breite besitzt. Veränderungen der Nierenfunktion, des Flüssigkeits- oder Salzhaushalts sowie bestimmte Medikamente können den Lithiumspiegel erheblich beeinflussen.

Daneben existieren andere Lithiumverbindungen wie:


  • Lithiumaspartat

  • Lithiumorotat

  • Lithiumcitrat


Diese verschiedenen Verbindungen dürfen hinsichtlich ihrer Dosierung nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden.


Entscheidend: Lithiumsalz ist nicht gleich elementares Lithium

Hier entsteht leicht Verwirrung.


Bei einem Lithiumpräparat muss zwischen der Gesamtmenge des Lithiumsalzes und der darin enthaltenen Menge an elementarem Lithium (Li⁺) unterschieden werden.

Das ist vergleichbar mit anderen Mineralstoffverbindungen: 100 mg Magnesiumcitrat entsprechen beispielsweise ebenfalls nicht 100 mg elementarem Magnesium.

Auch bei Lithiumpräparaten muss deshalb genau darauf geachtet werden, was die angegebene Milligrammzahl bezeichnet.


Für die später beschriebene Long-COVID-Studie ist dieser Punkt besonders wichtig:

Die verwendeten Lithiumaspartat-Kapseln enthielten jeweils 5 mg elementares Lithium.

Die in der Studie verwendeten 10–15 mg beziehungsweise 40–45 mg pro Tag beziehen sich entsprechend auf die Menge an elementarem Lithium.


Warum könnte Lithium bei Long COVID und ME/CFS überhaupt interessant sein?

Long COVID und ME/CFS sind komplexe Erkrankungen, bei denen vermutlich mehrere pathophysiologische Mechanismen ineinandergreifen.

Diskutiert werden unter anderem:


  • Veränderungen der Immunregulation

  • autonome Dysfunktion

  • endotheliale und mikrovaskuläre Veränderungen

  • metabolische und mitochondriale Dysfunktionen

  • neuroinflammatorische Prozesse

  • Störungen verschiedener intrazellulärer Signalwege


Lithium greift in mehrere biologische Prozesse ein, die sich mit diesen Forschungsfeldern überschneiden. Das macht Lithium mechanistisch interessant.


Wichtig ist aber: Ein plausibler Wirkmechanismus ist noch kein klinischer Wirksamkeitsnachweis. Viele Substanzen zeigen in Zellkultur- oder Tiermodellen interessante immunologische oder neuroprotektive Effekte, ohne dass sich daraus später eine wirksame Behandlung beim Menschen ergibt. Diese Unterscheidung ist gerade bei Long COVID und ME/CFS besonders wichtig.


1. Lithium und GSK-3β

Einer der am besten untersuchten Wirkmechanismen von Lithium betrifft die Glykogensynthase-Kinase 3 (GSK-3). GSK-3 ist ein intrazelluläres Enzym, das an zahlreichen Signalwegen beteiligt ist. Es beeinflusst unter anderem:


  • Entzündungsreaktionen

  • Zellüberleben

  • neuronale Plastizität

  • Genexpression

  • Stoffwechselprozesse

  • Immunantworten


Lithium kann GSK-3 direkt und indirekt hemmen. Dadurch werden wiederum verschiedene nachgeschaltete Signalwege beeinflusst, beispielsweise über β-Catenin, CREB und andere Transkriptionsfaktoren.Auch neurotrophe Faktoren wie BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) werden in diesem Zusammenhang diskutiert. Diese Mechanismen gehören zu den Gründen, weshalb Lithium schon seit längerem hinsichtlich möglicher neuroprotektiver Eigenschaften untersucht wird.


2. Neuroinflammation und Mikroglia

Ein weiteres interessantes Forschungsgebiet betrifft die Mikroglia.

Mikrogliazellen sind gewissermaßen die Immunzellen des zentralen Nervensystems. Sie reagieren auf Infektionen, Gewebeschäden und andere immunologische Signale. Eine anhaltende oder fehlregulierte Aktivierung von Mikroglia wird bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen diskutiert und spielt auch in Hypothesen zur Pathophysiologie neurologischer Long-COVID-Symptome eine Rolle. Über die Hemmung von GSK-3 und nachgeschaltete Signalwege kann Lithium experimentell inflammatorische Reaktionen beeinflussen.


In präklinischen Modellen wurden unter anderem Veränderungen pro- und antiinflammatorischer Signalwege beobachtet. Das macht Lithium theoretisch interessant bei Beschwerden wie:


  • Brain Fog

  • Konzentrationsstörungen

  • Fatigue

  • neurologischen Beschwerden


Allerdings muss auch hier klar gesagt werden:

Wir wissen bislang nicht, ob diese experimentell beschriebenen Effekte bei Menschen mit Long COVID oder ME/CFS in klinisch relevanter Weise auftreten.


Die Mechanismen liefern also eine wissenschaftliche Begründung dafür, Lithium zu untersuchen – aber keinen Beweis dafür, dass es funktioniert.


3. Neuroprotektive Eigenschaften

Lithium wird seit vielen Jahren hinsichtlich möglicher neuroprotektiver Wirkungen untersucht.

In experimentellen Arbeiten wurden unter anderem Einflüsse auf:


  • BDNF

  • Bcl-2

  • oxidativen Stress

  • Apoptose

  • mitochondriale Funktionen

  • neuronale Plastizität


beschrieben. Über PI3K/Akt-, GSK-3β- und CREB/BDNF-Signalwege könnte Lithium Mechanismen beeinflussen, die für Zellüberleben und neuronale Anpassungsfähigkeit relevant sind. Auch bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen wurde Lithium deshalb untersucht.

Allerdings ist auch hier die Evidenz je nach Erkrankung sehr unterschiedlich. Vieles stammt aus präklinischen Untersuchungen und lässt sich nicht automatisch auf Long COVID oder ME/CFS übertragen.


4. Lithium und mitochondriale Funktion

Mitochondriale und bioenergetische Veränderungen werden sowohl bei ME/CFS als auch bei Long COVID intensiv erforscht.


Auch Lithium beeinflusst in experimentellen Untersuchungen mitochondriale Prozesse.

Diskutiert werden unter anderem Effekte auf:


  • oxidativen Stress

  • mitochondriale Signalwege

  • Energieproduktion

  • Apoptose

  • antioxidative Schutzmechanismen


Neuere Reviews beschreiben beispielsweise mögliche Einflüsse auf oxidative Phosphorylierung und mitochondriale Dynamik. Auch dieser Mechanismus ist zunächst vor allem biologisch plausibel. Es existiert bislang kein klinischer Nachweis dafür, dass Lithium bei Long COVID oder ME/CFS durch eine Verbesserung der mitochondrialen Funktion zu einer relevanten Symptomverbesserung führt.


5. Immunmodulatorische Wirkungen

Lithium besitzt außerdem immunmodulatorische Eigenschaften. Experimentell wurden Veränderungen verschiedener inflammatorischer Signalwege und Zytokine beschrieben. Ein wichtiger Mechanismus könnte wiederum die Hemmung von GSK-3β sein.


Dabei ist die Wirkung von Lithium auf das Immunsystem allerdings komplex und keineswegs einfach als „entzündungshemmend“ zu beschreiben.

Je nach Zelltyp, Modell und Ausgangssituation können unterschiedliche immunologische Effekte auftreten. Das ist gerade bei Erkrankungen wie Long COVID und ME/CFS relevant, bei denen vermutlich nicht eine einfache generelle „Überaktivierung“ oder „Unteraktivierung“ des Immunsystems vorliegt, sondern eine komplexe Dysregulation verschiedener Immunprozesse.


6. Hat Lithium eine antivirale Wirkung?

Auch antivirale Eigenschaften von Lithium werden seit Jahrzehnten untersucht.

Insbesondere gegen bestimmte DNA-Viren wie Herpesviren wurden sowohl experimentelle als auch einige klinische Effekte beschrieben.


Auch bei RNA-Viren und Coronaviren gibt es präklinische Untersuchungen.

In Zellkultur konnte Lithium beispielsweise die Replikation verschiedener Coronaviren beeinflussen. Auch für SARS-CoV-2 wurden präklinische Effekte beschrieben.

Hier ist jedoch besondere Vorsicht bei der Interpretation notwendig. Die Konzentrationen, bei denen antivirale Wirkungen in Zellkultur auftreten, lassen sich nicht ohne Weiteres auf therapeutisch erreichbare Konzentrationen beim Menschen übertragen.


Bislang gibt es keinen belastbaren klinischen Nachweis, dass Lithium bei Long COVID über einen antiviralen Effekt therapeutisch wirksam ist. Eine mögliche antivirale Wirkung bleibt deshalb eher ein interessanter mechanistischer Forschungsaspekt als eine Grundlage für eine Therapieempfehlung.


Wie ist die Studienlage bei Long COVID?

Hier wird es besonders interessant. 2024 veröffentlichten Guttuso und Kollegen in JAMA Network Open die bislang wichtigste klinische Studie zu Lithium bei Long COVID.

Untersucht wurde Lithiumaspartat bei Fatigue und kognitiver Dysfunktion im Rahmen eines neurologischen Post-COVID-Syndroms.


1. Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie

Insgesamt wurden 52 Patient eingeschlossen. Voraussetzung waren neu aufgetretene, relevante Fatigue oder kognitive Beschwerden nach COVID-19. 26 Teilnehmer erhielten Lithiumaspartat und 26 Placebo.


Die Lithiumaspartat-Kapseln enthielten jeweils: 5 mg elementares Lithium. Zunächst wurden zwei Kapseln pro Tag gegeben, entsprechend: 10 mg elementarem Lithium pro Tag.

Bei weiterhin relevanten Beschwerden konnte auf drei Kapseln erhöht werden: 15 mg elementares Lithium pro Tag. Die randomisierte Behandlungsphase dauerte drei Wochen.


Was kam heraus?

Das Ergebnis war eindeutig: Lithium war Placebo nicht signifikant überlegen.

Beim kombinierten primären Endpunkt aus Fatigue Severity Scale und Brain Fog Severity Scale betrug der Unterschied zwischen den Gruppen: −3,6 Punkte mit einem 95-%-Konfidenzintervall von −16,6 bis 9,5 und einem p-Wert von 0,59. Auch bei den sekundären Endpunkten zeigte sich kein signifikanter Vorteil.


Das bedeutet:

10–15 mg elementares Lithium pro Tag waren in dieser Studie nicht wirksam gegen Fatigue und kognitive Beschwerden bei Long COVID.


Das ist derzeit der methodisch wichtigste klinische Befund zu Lithium bei Long COVID und sollte entsprechend gewichtet werden.


Warum wurde trotzdem eine höhere Dosis untersucht?

Die Autoren vermuteten, dass die verwendete Dosis möglicherweise zu niedrig gewesen sein könnte. Unter anderem berichtete ein Patient nach Abschluss der ursprünglichen Untersuchung, seine Dosis selbst von 15 mg auf schließlich 40 mg pro Tag erhöht und darunter eine stärkere Besserung bemerkt zu haben. Das war zunächst lediglich eine individuelle Beobachtung.

Sie führte jedoch zu einer anschließenden offenen Dosisfindungsstudie.


2. Offene Dosisfindungsstudie

Von 43 eingeladenen Patient nahmen lediglich fünf an dieser Untersuchung teil. Die Lithiumdosis wurde schrittweise erhöht.


Untersucht wurden schließlich Dosierungen bis: 40–45 mg elementares Lithium pro Tag.

Von den fünf eingeschlossenen Personen schlossen allerdings nur drei die Dosisfindungsstudie vollständig ab. Bei diesen drei Personen waren unter 40–45 mg/Tag numerisch stärkere Verbesserungen von Fatigue und kognitiven Beschwerden zu beobachten als unter 15 mg/Tag.

Besonders interessant waren zwei Teilnehmer mit Lithium-Serumspiegeln von:


  • 0,18 mEq/l

  • 0,49 mEq/l


Bei ihnen waren die Verbesserungen ausgeprägter als bei einem Teilnehmer mit einem Spiegel von 0,10 mEq/l.


Klingt das vielversprechend?

Ja – als Forschungssignal. Aber nicht als Wirksamkeitsnachweis. Wir sprechen hier letztlich von drei Personen, die die Untersuchung abgeschlossen haben.


Außerdem war die Studie:


  • offen

  • nicht placebokontrolliert

  • sehr klein


Damit können Placeboeffekte, natürliche Schwankungen der Erkrankung, Regression zur Mitte und andere Einflussfaktoren nicht zuverlässig ausgeschlossen werden.

Man kann aus diesen Daten deshalb nicht schlussfolgern, dass 40–45 mg Lithium bei Long COVID wirksam sind.


Man kann lediglich sagen:

Die Beobachtung rechtfertigt es, höhere Dosierungen in einer ausreichend großen randomisierten, placebokontrollierten Studie zu untersuchen.

Genau das ist auch die entscheidende Schlussfolgerung der Autoren.


Wie sieht es bei ME/CFS aus?

Für ME/CFS unabhängig von Long COVID ist die klinische Datenlage noch deutlich schlechter.

Die pathophysiologischen Überschneidungen zwischen Long COVID und ME/CFS machen es nachvollziehbar, dass mögliche Therapieansätze aus der Long-COVID-Forschung auch für ME/CFS diskutiert werden.


Das bedeutet aber nicht, dass Ergebnisse automatisch übertragbar sind.

Derzeit existiert keine ausreichende klinische Evidenz, aus der sich eine Wirksamkeit oder Dosierungsempfehlung für Lithium bei ME/CFS ableiten ließe.


Lithium sollte deshalb auch hier als experimenteller Ansatz betrachtet werden.


Gibt es eine empfohlene Dosierung bei Long COVID oder ME/CFS?


Aktuell: Nein.

Das ist eine wichtige Konsequenz der bisherigen Studienlage.

Wir wissen:


10–15 mg elementares Lithium pro Tag

→ in der randomisierten kontrollierten Studie kein signifikanter Nutzen gegenüber Placebo.


40–45 mg elementares Lithium pro Tag

→ in einer offenen Dosisfindungsstudie mit lediglich drei Completern ein mögliches Signal für stärkere Verbesserungen.


Daraus kann aber keine therapeutische Zieldosis abgeleitet werden. Insbesondere wäre es falsch, aus diesen drei Fällen zu schließen, dass beispielsweise 40 mg elementares Lithium eine empfohlene Long-COVID-Dosis darstellen. Dafür benötigen wir zunächst eine größere randomisierte kontrollierte Studie.


Lithiumaspartat, Lithiumorotat oder Lithiumcarbonat?

Ein weiterer Punkt, der häufig zu Missverständnissen führt, sind die verschiedenen Lithiumverbindungen.


Lithiumcarbonat

Lithiumcarbonat ist das klassische Arzneimittel der psychiatrischen Lithiumtherapie.

Hier werden deutlich höhere Lithiumexpositionen eingesetzt und therapeutische Serumkonzentrationen angestrebt. Die Behandlung erfolgt unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle.


Lithiumaspartat

Lithiumaspartat wurde in der Long-COVID-Studie von Guttuso et al. eingesetzt.

Die dort verwendeten Kapseln enthielten jeweils 5 mg elementares Lithium.

Wichtig: Die Studienergebnisse gelten zunächst für das untersuchte Präparat und die untersuchten Dosierungen. Sie können nicht automatisch auf andere Lithiumsalze übertragen werden.


Lithiumorotat

Lithiumorotat findet sich insbesondere in Nahrungsergänzungsmitteln und wird häufig in niedrigeren Mengen angeboten. Es wird teilweise behauptet, Lithiumorotat habe besondere pharmakokinetische Eigenschaften oder gelange besser in bestimmte Gewebe. Für solche klinisch relevanten Vorteile gegenüber etablierten Lithiumsalzen gibt es jedoch keine ausreichende Evidenz.


Auch aus der Long-COVID-Studie kann keine Wirksamkeit von Lithiumorotat abgeleitet werden, da dort Lithiumaspartat untersucht wurde.


Was ist mit „Low-Dose-“ oder „Microdose-Lithium“?

Im Internet wird zunehmend über sehr niedrig dosiertes Lithium gesprochen.

Dabei werden teilweise Begriffe wie:


  • Low-Dose Lithium

  • Microdose Lithium

  • Nutritional Lithium


verwendet. Diese Begriffe sind allerdings nicht einheitlich definiert. Das führt schnell zu Missverständnissen.


Ein Präparat mit beispielsweise wenigen Milligramm elementarem Lithium ist pharmakologisch etwas völlig anderes als die klassische psychiatrische Lithiumtherapie – aber daraus folgt nicht automatisch, dass es therapeutisch wirksam oder vollständig risikofrei ist.


Gerade die Long-COVID-RCT zeigt zudem einen wichtigen Punkt: „Niedrige Dosis“ bedeutet nicht automatisch „wirksame Dosis“. 10–15 mg elementares Lithium pro Tag waren in der randomisierten Studie nicht besser als Placebo. Für noch niedrigere Dosierungen gibt es daher erst recht keinen klinischen Nachweis einer Wirksamkeit bei Long COVID.


Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Lithium wird überwiegend renal ausgeschieden. Aus der klassischen Lithiumtherapie kennen wir unter anderem mögliche Auswirkungen auf:


  • Nierenfunktion

  • Schilddrüsenfunktion

  • Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt


Mögliche Nebenwirkungen umfassen beispielsweise:


  • Übelkeit

  • Durchfall

  • Tremor

  • Müdigkeit oder Sedierung

  • vermehrten Durst

  • vermehrtes Wasserlassen


Bei langfristiger klassischer Lithiumtherapie sind insbesondere Schilddrüsen- und Nierenfunktion relevant.


Was zeigte die Long-COVID-Studie?

In der randomisierten Phase wurden keine unerwünschten Ereignisse eindeutig Lithium zugeschrieben. Das ist zunächst beruhigend. Allerdings war die Behandlung kurz und die Teilnehmerzahl klein. In der anschließenden Dosisfindungsstudie trat bei einem Teilnehmer unter 45 mg/Tag eine leichte Sedierung auf. Nach Reduktion auf 40 mg/Tag verschwand diese wieder.


Ein anderer Teilnehmer hatte bereits zuvor intermittierende Diarrhö und brach die Studie bei Verschlechterung der Durchfälle unter 40 mg/Tag ab. Bei den Teilnehmern wurden keine klinisch relevanten Veränderungen von TSH oder geschätzter glomerulärer Filtrationsrate festgestellt.

Aus fünf Teilnehmer lässt sich jedoch selbstverständlich keine verlässliche Sicherheitsbewertung höherer Dosierungen ableiten.


Welche Wechselwirkungen sind wichtig?

Die ser Punkt ist bei Lithium besonders relevant.Lithium wird nahezu vollständig über die Niere eliminiert. Medikamente, die Nierendurchblutung, glomeruläre Filtration oder tubuläre Natriumverarbeitung verändern, können deshalb den Lithiumspiegel beeinflussen.

Besonders bekannt sind Wechselwirkungen mit:


NSAR

Nichtsteroidale Antirheumatika wie beispielsweise Ibuprofen oder Diclofenac können die renale Lithiumausscheidung vermindern und dadurch Lithiumspiegel erhöhen.


ACE-Hemmer und Sartane

Auch ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorblocker können Lithiumkonzentrationen erhöhen.


Diuretika

Insbesondere Thiaziddiuretika können die Lithiumausscheidung deutlich vermindern und dadurch relevante Spiegelanstiege verursachen. Auch bei anderen Diuretika ist Vorsicht erforderlich.


Flüssigkeits- und Salzhaushalt spielen ebenfalls eine Rolle

Lithium und Natrium werden renal eng miteinander verknüpft verarbeitet.

Situationen mit Flüssigkeits- oder Natriumverlust können deshalb problematisch sein.

Dazu gehören beispielsweise:


  • ausgeprägter Durchfall

  • Erbrechen

  • starke Dehydratation

  • starkes Schwitzen

  • deutliche Veränderungen der Salzaufnahme


Gerade bei Long COVID und ME/CFS ist dieser Punkt nicht ganz trivial.

Patient mit POTS oder orthostatischer Intoleranz verändern teilweise bewusst ihre Flüssigkeits- und Salzaufnahme. Gleichzeitig können gastrointestinale Beschwerden oder eingeschränkte Nahrungsaufnahme auftreten. Diese Faktoren sollten bei einer Lithiumtherapie berücksichtigt werden.


Welche Kontrollen sind sinnvoll?

Hier muss zwischen der klassischen psychiatrischen Lithiumtherapie und experimentellen niedrigeren Dosierungen unterschieden werden.


Welche Kontrollen sinnvoll sind, hängt unter anderem ab von:


  • Dosis

  • Lithiumverbindung

  • Therapiedauer

  • Nierenfunktion

  • Alter

  • Begleitmedikation

  • Begleiterkrankungen


Grundsätzlich können insbesondere folgende Parameter relevant sein:


Nierenfunktion

  • Kreatinin

  • eGFR


Schilddrüse

  • TSH

  • gegebenenfalls fT4


Elektrolyte

Insbesondere Natrium sollte im klinischen Kontext berücksichtigt werden.


Lithium-Serumspiegel

Bei höheren Dosierungen oder einer relevanten Lithiumexposition können Serumspiegel sinnvoll beziehungsweise erforderlich sein. Gerade wenn Dosierungen verwendet werden, die sich den in der offenen Dosisfindungsstudie untersuchten 40–45 mg elementarem Lithium pro Tag annähern, halte ich eine eigenständige Einnahme oder Dosiseskalation ohne ärztliche Begleitung für nicht sinnvoll.


Für wen ist besondere Vorsicht geboten?

Besondere Vorsicht beziehungsweise je nach Situation eine Kontraindikation besteht insbesondere bei:


  • relevanter Nierenfunktionsstörung

  • relevanten Störungen des Natrium- oder Flüssigkeitshaushalts

  • gleichzeitiger Einnahme stark interagierender Medikamente

  • bestimmten Schilddrüsenerkrankungen

  • Schwangerschaft und Stillzeit


Auch bei älteren Menschen und bei komplexer Polypharmazie sollte eine Lithiumtherapie besonders sorgfältig abgewogen werden.


Wie ordne ich Lithium aktuell ein?

Lithium ist für mich wissenschaftlich ein interessanter, aber bislang nicht ausreichend belegter Therapieansatz.


Dafür sprechen mehrere Aspekte: Die biologischen Wirkmechanismen sind durchaus interessant. Lithium beeinflusst GSK-3β, neuroinflammatorische Signalwege, Neuroplastizität, oxidativen Stress und mitochondriale Prozesse. Auch die kleine Dosisfindungsstudie liefert ein Signal, das weitere Forschung rechtfertigt. Auf der anderen Seite steht aber die derzeit beste klinische Evidenz:


Die einzige randomisierte, placebokontrollierte Studie war negativ.


Das darf bei der Bewertung nicht in den Hintergrund treten. Eine häufige Falle bei experimentellen Therapien besteht darin, mechanistische Plausibilität stärker zu gewichten als klinische Studien. Gerade hier sollten wir es umgekehrt machen: Die Mechanismen erklären, warum weitere Forschung sinnvoll sein könnte. Die klinischen Daten entscheiden letztlich darüber, ob eine Therapie tatsächlich funktioniert. Und diese Daten reichen bei Lithium momentan noch nicht aus.


Was müsste als Nächstes untersucht werden?

Der entscheidende nächste Schritt wäre eine größere:

randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit höheren Lithiumdosierungen.

Dabei wären mehrere Fragen interessant:


  • Gibt es bei 40–45 mg elementarem Lithium tatsächlich einen klinisch relevanten Effekt?

  • Wie groß ist dieser Effekt gegenüber Placebo?

  • Welche Patient sprechen möglicherweise an?

  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Serumspiegel und Wirkung?

  • Wie sicher ist diese Dosierung über einen längeren Zeitraum?

  • Welche Symptome reagieren gegebenenfalls besonders?

  • Gibt es Unterschiede zwischen Long COVID mit und ohne ME/CFS?

  • Gibt es Biomarker, die ein Therapieansprechen vorhersagen können?


Erst solche Daten könnten klären, ob aus dem interessanten Signal tatsächlich eine therapeutische Option entsteht.


Zusammenfassung

Lithium besitzt eine Reihe interessanter biologischer Eigenschaften.

Dazu gehören mögliche:


  • neuroprotektive

  • immunmodulatorische

  • antiinflammatorische

  • mitochondriale

  • antivirale


Effekte.


Insbesondere die Hemmung von GSK-3β und die Auswirkungen auf verschiedene neuronale und immunologische Signalwege machen Lithium mechanistisch für Long COVID und ME/CFS interessant. Die klinische Evidenz ist allerdings bislang sehr begrenzt.


In der bislang wichtigsten randomisierten, placebokontrollierten Studie erhielten 52 Patient mit Long COVID Lithiumaspartat oder Placebo. 10–15 mg elementares Lithium pro Tag zeigten über drei Wochen keinen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo hinsichtlich Fatigue oder kognitiver Beschwerden. Eine anschließende offene Dosisfindungsstudie untersuchte bis zu 40–45 mg elementares Lithium pro Tag.


Bei den drei Teilnehmern, die diese Studie vollständig abschlossen, zeigten sich numerisch stärkere Verbesserungen. Aufgrund der extrem kleinen Fallzahl und des offenen Studiendesigns ist dies jedoch kein Wirksamkeitsnachweis, sondern lediglich ein Signal für weitere Forschung.

Für ME/CFS existieren derzeit keine ausreichenden klinischen Daten, aus denen sich eine Wirksamkeit oder Dosierungsempfehlung ableiten ließe.


Literatur und weiterführende Quellen

Guttuso T Jr, Zhu J, Wilding GE.Lithium Aspartate for Long COVID Fatigue and Cognitive Dysfunction: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open. 2024;7(10).doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.36874.


Ghanaatfar F et al.Is lithium neuroprotective? An updated mechanistic illustrated review. Fundamental & Clinical Pharmacology. 2023.


Malhi GS et al.Lithium therapy and its interactions. Australian Prescriber. 2020;43:91–93.


Rybakowski JK.Antiviral, immunomodulatory, and neuroprotective effect of lithium. 2022.


Nowak JK, Walkowiak J.Lithium and coronaviral infections. A scoping review. F1000Research. 2020.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Lithium ist nicht zur Behandlung von Long COVID oder ME/CFS zugelassen. Eine Anwendung in diesem Kontext ist experimentell und erfordert eine individuelle ärztliche Nutzen-Risiko-Abwägung.

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Dr. med. Kristina Schultheiß
Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie

M. Sc. Präventive und Funktionelle Medizin​

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