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Wie sich NK-Zellen und T-Zellen bei ME/CFS und Long-COVID stärken lassen – evidenzbasierte Strategien

  • Autorenbild: Dr. med. Kristina Schultheiß
    Dr. med. Kristina Schultheiß
  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit
Warum gestörte NK-Zell-Funktion und T-Zell-Erschöpfung zentrale Mechanismen bei ME/CFS und Long-COVID sind – und welche wissenschaftlich belegten Maßnahmen die Immunfunktion nachhaltig unterstützen können.
Immunzellen interagieren mit Viren
Immunzellen interagieren mit Viren

Warum NK-Zellen und T-Zellen bei ME/CFS und Long-COVID so wichtig sind

Natürliche Killerzellen (NK-Zellen) und T-Zellen sind zentrale Säulen der antiviralen Abwehr. Sie erkennen und eliminieren virusinfizierte Zellen, kontrollieren chronische Infektionen und modulieren Entzündungsprozesse.


Bei Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) gehört eine verminderte NK-Zell-Zytotoxizität zu den konsistentesten immunologischen Befunden – also eine eingeschränkte Fähigkeit, Zielzellen effektiv zu zerstören (Reduced NK cell cytotoxicity ist laut aktueller Meta-Analyse eines der robustesten Immunmerkmale bei ME/CFS). 


Auch bei Long-COVID zeigen sich Hinweise auf dysfunktionale NK-Zellen und T-Zell-Erschöpfung: Studien beschreiben veränderte NK-Subsets und erschöpfte SARS-CoV-2-spezifische CD8⁺-T-Zellen noch Monate nach der Infektion. 


Viele Patient:innen berichten klinisch genau das: erhöhte Infektanfälligkeit, verlängerte Verläufe und Befunde eines "erschöpften" Immunsystems. Das macht die Frage spannend: Was kann man – evidenzbasiert – tun, um NK-Zellen (und damit auch T-Zellen indirekt) zu unterstützen?


Teil A - Grundlagen: NK-Zellen, T-Zellen und Immunerschöpfung


NK-Zellen – erste Linie der antiviralen Abwehr

NK-Zellen gehören zur angeborenen Immunität. Sie erkennen Zellen mit veränderter oder fehlender MHC-I-Expression (typisch bei Virusinfektion) und töten sie über Perforin und Granzym B. Sie produzieren außerdem Interferon-γ (IFN-γ) und beeinflussen damit T-Zell-Antworten. 


Bei ME/CFS zeigen zahlreiche Arbeiten:


  • reduzierte NK-Zell-Zahl oder -Zytotoxizität,

  • veränderte Expression von Oberflächenrezeptoren,

  • funktionelle Erschöpfung bei anhaltender Antigenlast. 


Bei Long-COVID korreliert ein geringerer Anteil an funktionellen CD56^dim/CD16⁺-NK-Zellen mit mehr Symptomen und einem prolongierten Verlauf. 



T-Zellen – zwischen Virusbekämpfung und chronischer Aktivierung

T-Zellen (v. a. CD8⁺-zytotoxische T-Zellen und CD4⁺-T-Helferzellen) orchestrieren die adaptive Immunantwort. Bei Long-COVID finden sich:


  • veränderte T-Zell-Subsets,

  • exhausted (erschöpfte) CD8⁺-T-Zellen mit reduzierter Effektor-Funktion,

  • dysregulierte, teils hyperaktivierte T-Zell-Profile. 


Bei ME/CFS wird zunehmend von einem Zustand chronischer Immunaktivierung mit gleichzeitiger Erschöpfung gesprochen – die adaptive Antwort läuft „heiß“, ohne effektiv zu sein. 


Das Ziel einer funktionellen Therapie ist daher nicht „mehr Immunsystem um jeden Preis“, sondern gezielte Unterstützung von NK-Zell-Funktion und T-Zell-Regulation, ohne zusätzliche Überaktivierung.


Teil B – Bezug zu ME/CFS und Long-COVID


Was ist bei ME/CFS gut belegt?


  • Reduzierte NK-Zell-Zytotoxizität ist eines der stabilsten Labormerkmale von ME/CFS. 

  • Diese Reduktion korreliert teilweise mit Symptomschwere (Fatigue, Infektanfälligkeit). 

  • T-Zell-Veränderungen (z. B. CD8⁺-T-Zell-Dysfunktion, veränderte regulatorische T-Zellen) werden zunehmend beschrieben, sind aber weniger konsistent. 


Was zeigt die aktuelle Forschung zu Long-COVID?


  • Long-COVID-Kohorten zeigen persistierende T-Zell-Dysregulation, mit verschobener T-Zell-Subpopulation, erschöpften SARS-CoV-2-spezifischen T-Zellen und anhaltender systemischer Inflammation Monate nach Infektion. 

  • NK-Zell-Profile und -Funktion sind ebenfalls verändert; niedriger funktioneller NK-Zell-Anteil korreliert mit Symptomlast. 


Damit ergibt sich ein klares therapeutisches Fenster:

Interventionen, die NK-Zell-Aktivität und T-Zell-Balance verbessern, könnten bei ME/CFS und Long-COVID eine wichtige Ergänzung darstellen – natürlich immer eingebettet in ein ganzheitliches Behandlungskonzept.


Teil C – Evidenzbasierte Strategien zur Stimulation von NK-Zellen (und indirekt T-Zellen)


Im Folgenden eine Auswahl an Maßnahmen mit konkreter Evidenz zur NK-Zell-Stimulation. Es geht nicht um „Booster“, sondern um gezielte Modulation – gerade bei Patient:innen mit ohnehin inflammatorischer Grundlage.


1. β-Glucane – einer der am besten untersuchten NK-Modulatoren

Was sind β-Glucane?

Polysaccharide aus Hefe, Pilzen oder Bakterien, die über Mustererkennungsrezeptoren (z. B. Dectin-1, CR3) auf Immunzellen wirken.


Evidenz für NK-Zellen:


  • In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie erhöhte ein bakterienbasiertes β-1,3-Glucan über 8 Wochen signifikant die NK-Zell-Aktivität bei gesunden Erwachsenen – ohne relevante Nebenwirkungen. 

  • Eine neuere Studie mit β-1,3/1,6-D-Glucan zeigte einen deutlichen Anstieg von NK-Zell-Zahl und -Zytotoxizität (über 80 % Zuwachs der zytotoxischen Aktivität gegenüber Placebo). 

  • Reviews betonen, dass β-Glucane NK-Zellen direkt aktivieren können, u. a. über den NKp30-Rezeptor, und so die angeborene Antwort stärken. 


Relevanz für ME/CFS / Long-COVID:

Da hier häufig eine verminderte NK-Zell-Funktion vorliegt, sind β-Glucane ein plausibler, relativ sicherer Ansatz, um die angeborene Immunität zu stützen – insbesondere in Kombination mit Mikronährstoffen.

Tafel mit Zink, und viel Essen in dem Zink enthalten ist
Zink ist essentiell für die Immunfunktion

2. Zink – Basisfaktor für NK-Zell-Zytotoxizität

Zink ist essenziell für zahlreiche Enzyme, Transkriptionsfaktoren und Immunfunktionen.


Evidenz:


  • Experimentelle Arbeiten zeigen, dass Zinkmangel die NK-Zell-Aktivität deutlich reduziert, während Zink-Supplementierung die Killing-Aktivität primärer NK-Zellen steigert – u. a. über erhöhte Granzym-B-Produktion und vermehrte IFN-γ-Ausschüttung. 

  • Eine aktuelle klinische Studie (2025) fand, dass kurzfristige orale Zinksupplementierung bei jungen Erwachsenen die NK-Zell-Zytotoxizität signifikant erhöht; NK-Funktion korrelierte positiv mit dem Serum-Zinkspiegel. 


Relevanz für ME/CFS / Long-COVID:

Zinkmangel ist bei chronisch Kranken, Menschen mit Malabsorption oder erhöhter Entzündung häufig. Eine normale Zinkversorgung ist Grundvoraussetzung, bevor komplexere immunmodulierende Therapien überhaupt greifen können.


3. Vitamin D – Immunmodulator für NK- und T-Zellen

Vitamin D wirkt über den Vitamin-D-Rezeptor (VDR) auf zahlreiche Immunzellen.


Evidenz für NK-Zellen:

  • In einer großen Kohorte war eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung mit höherer NK-Zell-Aktivität assoziiert; körperliche Aktivität und Vitamin D gehörten zu den wichtigsten Determinanten der NK-Funktion. 

  • Interventionsstudien zeigen, dass Vitamin-D₃-Supplementierung bei bestimmten Patientengruppen eine eingeschränkte NK-Aktivität teilweise normalisieren kann. 


Evidenz für T-Zellen:

  • Vitamin D beeinflusst T-Zell-Differenzierung, reduziert proinflammatorische Th1-/Th17-Antworten und fördert regulatorische T-Zellen (Tregs). 

  • Mechanistisch wird u. a. eine IL-6/STAT3/IL-10-Achse beschrieben, die zu mehr antiinflammatorischer IL-10-Produktion führt und über BACH2-abhängige Transkriptionsprogramme T-Zell-Antworten neu justiert. 


Relevanz für ME/CFS / Long-COVID:

Vitamin D ist weniger ein „Stimulator“, sondern eher ein Regulator: Es kann überschießende T-Zell-Aktivierung dämpfen und gleichzeitig die Effizienz der antiviralen Abwehr verbessern, wenn zuvor ein Mangel bestand.


4. Körperliche Aktivität – zweischneidiges Schwert bei ME/CFS

Bei gesunden Menschen:


  • Meta-Analysen zeigen, dass akute körperliche Belastung NK-Zell-Zahl und -Zytotoxizität im Blut deutlich erhöht – mit großer Effektstärke. 

  • Die Effekte sind kurzfristig (Stundenbereich), können aber bei regelmäßigem Training zur „trainierten“ angeborenen Immunantwort beitragen.


Bei ME/CFS und schwerem Long-COVID gilt allerdings:

  • Klassische Sportempfehlungen sind kontraindiziert, weil sie Post-Exertional Malaise (PEM) triggern können.

  • Moderate, streng symptomadaptierte Aktivität könnte theoretisch immunmodulierend wirken, ist aber nur innerhalb individueller Belastungsgrenzen sinnvoll.


Fazit:

Bewegung ist ein potenter NK-Stimulus – bei ME/CFS/Long-COVID aber nur mit größter Vorsicht und strikt pacing-basiert zu diskutieren.


5. Lactoferrin – spannender Kandidat mit NK-Daten

Lactoferrin ist ein Eisen-bindendes Glykoprotein mit antiviralen und immunmodulierenden Eigenschaften.


  • In vitro bindet humanes Lactoferrin an einen Großteil der NK-Zellpopulation und kann in niedrigen Konzentrationen die NK-Zell-Zytotoxizität steigern. 

  • Tier- und Humanstudien deuten darauf hin, dass orale Lactoferrin-Gabe NK-Aktivität erhöhen und respiratorische Infektionen reduzieren kann; eine Übersichtsarbeit fasst diese Daten zusammen. 



Für ME/CFS und Long-COVID gibt es bisher nur indirekte Evidenz – aber Lactoferrin ist ein interessanter Baustein, insbesondere bei Verdacht auf Mukosaimmundysregulation und virale Persistenz.


Teil D – Konkrete Handlungs- und Diagnostikempfehlungen


1. Diagnostik – Basis vor Intervention

Vor gezielter Immunmodulation sollte – soweit verfügbar – geprüft werden:


  • Vitamin-D-Status (25-OH-Vitamin D)

  • Zink- und ggf. Selenstatus

  • Standard-Entzündungsmarker (hsCRP, ggf. Zytokine)

  • Speziallaboren: NK-Zell-Zahl und -Zytotoxizität, T-Zell-Subsets (z. B. CD8⁺-Exhaustionmarker), ggf. NK-Stimulationstest, TH1/TH2-Ratio


Das erlaubt eine individuellere Dosierung und Bewertung.


2. Therapeutische Bausteine (allgemein)


β-Glucan (1,3/1,6-Glucane)

  • Ziel: NK-Zell-Aktivität und frühe antivirale Abwehr stärken.

  • Evidenz: RCTs mit signifikanter NK-Zell-Aktivierung und guter Verträglichkeit. 


Korrektur von Mikronährstoffmängeln

  • Zink: Wiederherstellung normaler NK-Zell-Zytotoxizität bei Mangel.

  • Vitamin D: Normalisierung der NK- und T-Zell-Funktion bei insuffizientem Spiegel.

  • Selen: Unterstützung antiviraler Immunprozesse.


Lactoferrin

  • Ziel: Unterstützung der mukosalen Abwehr und antiviralen Kontrolle.

  • Evidenz: Steigerung der NK-Zell-Aktivität in vitro und Reduktion respiratorischer Infekte in Humanstudien.


Curcumin / Polyphenole

  • Ziel: Entzündungsmodulation als indirekte Unterstützung der NK- und T-Zell-Funktion.

  • Evidenz: Reduktion proinflammatorischer Signalwege (IL-6, TNF-α).


Pacing-adaptierte Mikro-Bewegung

  • Ziel: sanfte Aktivierung der NK-Zell-Funktion ohne PEM-Risiko.

  • Evidenz: Bewegung als starker NK-Stimulus – bei ME/CFS jedoch nur in sehr niedrigen Dosen sinnvoll.

Mikrofotografie einer nicht identifizierten Gewebeprobe, die Herpesvirus-Antikörper mittels Immunfluoreszenz-Färbetechnik zeigt.
Mikrofotografie einer nicht identifizierten Gewebeprobe, die Herpesvirus-Antikörper mittels Immunfluoreszenz-Färbetechnik zeigt.

Teil E - Delimmun® – eine selektive medikamentöse Option bei Long-COVID und ME/CFS


Delimmun® ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das die Wirkstoffe Inosin und Dimepranol-Acetamidobenzoat enthält. Ursprünglich wird es zur Behandlung oder Begleitung von Virusinfektionen und Virusreaktivierungen eingesetzt. Sein Wirkprinzip beruht auf einer Aktivierung der zellulären Immunabwehr: Delimmun kann sowohl NK-Zellen als auch T-Zellen stimulieren und unterstützt Interferon-vermittelte antivirale Signalwege. Siehe hierzu auch den Blog-Artikel.


Gerade deshalb wird es in der ME/CFS- und Long-COVID-Community zunehmend als mögliche Option diskutiert – insbesondere bei Patient:innen, die nachweisbare Virusreaktivierungen (wie EBV oder HHV-6) zeigen oder bei denen eine verminderte NK-Zell-Aktivität oder T-Zell-Erschöpfung diagnostiziert wurde. Im Unterschied zu Mikronährstoffen oder β-Glucan handelt es sich hierbei jedoch um eine richtige medikamentöse Therapie, die deutlich stärker in das Immunsystem eingreift.


Delimmun wird in der Regel zyklisch angewendet, also über einen begrenzten Zeitraum eingenommen und anschließend pausiert. Die Anwendung sollte stets ärztlich begleitet erfolgen, da bestimmte Laborparameter überwacht werden müssen – vor allem die Harnsäure (erhöhtes Gicht-Risiko) sowie die Nierenfunktion. Auch bei Vorerkrankungen wie Hyperurikämie oder Neigung zu Nierensteinen ist Vorsicht geboten.


Wichtig ist: Delimmun ist keine Standardtherapie für ME/CFS oder Long-COVID. Es ist eine selektive Option, die nur für geeignete Patient:innen infrage kommt – insbesondere dann, wenn laborchemische Hinweise auf virale Aktivität oder eine Störung der zellulären Immunabwehr bestehen. Richtig eingesetzt kann es ein hilfreicher Baustein innerhalb eines integrativen, gut überwachten Therapiekonzeptes sein.



Fazit:

NK-Zell-Dysfunktion und T-Zell-Erschöpfung gehören zu den bestbeschriebenen immunologischen Veränderungen bei ME/CFS und Long-COVID. Sie tragen wesentlich zu Infektanfälligkeit, prolongierten Krankheitsverläufen und einer unzureichend koordinierten antiviralen Abwehr bei.


Die wissenschaftliche Evidenz zeigt jedoch klar: Es gibt mehrere gut untersuchte Möglichkeiten, die Funktion von NK-Zellen und die Balance der T-Zell-Antwort gezielt zu unterstützen. Dazu gehören β-Glucane, Zink, Vitamin D, Lactoferrin, entzündungsmodulierende Polyphenole und — mit Vorsicht — pacing-adaptierte Mikro-Bewegungsreize. Diese Maßnahmen stellen eine solide Basis dar, die häufig bereits deutliche Verbesserungen der immunologischen Resilienz ermöglicht.


Für ausgewählte Patient:innen kann zudem eine medikamentöse Option wie Delimmun® sinnvoll sein, insbesondere bei nachgewiesener Virusreaktivierung oder klarer NK-Zell-Dysfunktion. Hier ist eine ärztlich überwachte, zyklische Anwendung entscheidend, um Chancen und Risiken verantwortungsvoll abzuwägen.


Insgesamt zeigt sich: Die Immunfunktion bei ME/CFS und Long-COVID ist nicht statisch. Mit einem kombinierten Ansatz aus Diagnostik, zielgerichteter Mikronährstofftherapie, immunmodulierenden Strategien und — wo sinnvoll — medikamentöser Unterstützung kann das Gleichgewicht der zellulären Abwehr verbessert und die langfristige Stabilität des Immunsystems gefördert werden.


Quellen:

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