Fluvoxamin bei Long COVID: Was die neue Studie für die Fatigue-Behandlung bedeutet
- Dr. med. Kristina Schultheiß

- 10. Aug.
- 4 Min. Lesezeit

Fatigue ist das häufigste und oft schwerwiegendste Symptom bei Long COVID und ME/CFS. Medizinisch ist Fatigue definiert als eine anhaltende, körperliche und/oder mentale Erschöpfung, die nicht durch Ruhe oder Schlaf behoben wird, außer Verhältnis zur vorausgegangenen Belastung steht und die Alltagsfunktion erheblich beeinträchtigt. Sie ist damit klar abzugrenzen von normaler Müdigkeit — und genau dieses Symptom stand im Mittelpunkt einer neuen, im März 2026 erschienenen Studie. Erstmals gibt es hierfür Belege aus einem robusten randomisierten, placebokontrollierten Versuch mit einem bekannten Medikament: Fluvoxamin.
Die Studie für Long COVID-Behandlung im Überblick: REVIVE-TOGETHER
Kurz zusammengefasst: 399 Long-COVID-Patientinnen und -Patienten mit seit mindestens 90 Tagen anhaltender Fatigue wurden in drei Gruppen aufgeteilt: Fluvoxamin, Metformin oder Placebo. Ergebnis: Fluvoxamin reduzierte die Fatigue signifikant — Metformin nicht.
Im Detail: Die REVIVE-TOGETHER-Studie wurde im renommierten Fachjournal Annals of Internal Medicine veröffentlicht (Reis et al., März 2026). Eingeschlossen wurden Erwachsene in Brasilien mit bestätigter SARS-CoV-2-Infektion und seither anhaltender Fatigue von mindestens 90 Tagen.
Die drei Gruppen erhielten:
Fluvoxamin 100 mg zweimal täglich
Metformin 750 mg zweimal täglich
Placebo
Die Behandlungsdauer betrug 60 Tage. Gemessen wurde die Veränderung auf der Fatigue Severity Scale (FSS) — einem validierten Fragebogen, der den Einfluss der Fatigue auf Alltag und Lebensqualität erfasst. Die FSS reicht von 1 bis 7; höhere Werte bedeuten stärkere Beeinträchtigung. Einen FSS-Selbsttest können Sie übrigens auch auf meiner Website durchführen: [→ Zum FSS-Test].
Ergebnis: Fluvoxamin erzielte an Tag 60 eine signifikante Reduktion gegenüber Placebo (mittlere Differenz: −0,43 Punkte). Dieser Effekt hielt sich bis Tag 90, also noch 30 Tage nach Behandlungsende, mit einer mittleren Differenz von −0,58. Gleichzeitig verbesserte sich die gesundheitsbezogene Lebensqualität in der Fluvoxamin-Gruppe. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Fluvoxamin besser als Placebo wirkt, lag bei 99 %.
Eine mittlere Differenz von knapp 0,5 Punkten auf der FSS klingt klein — entspricht aber einer klinisch wahrnehmbaren Verbesserung. Bei einer Erkrankung, für die es bislang keine zugelassene Therapie gibt und für die fast alle bisherigen Studienansätze scheiterten, ist das ein bemerkenswertes Signal.
Was ist Fluvoxamin — und wie wird es eingesetzt?
Zugelassene Anwendungen (In-Label)
Fluvoxamin ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und in Deutschland zugelassen für:
Zwangsstörungen (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD)
Depressionen
Es ist seit Jahrzehnten auf dem Markt, gut verträglich und verhältnismäßig günstig.
Warum könnte es bei der Long COVID-Behandlung wirken? (Der Mechanismus)
Die Wirkung liegt vermutlich nicht in der antidepressiven Eigenschaft. Fluvoxamin bindet als einziger SSRI mit besonders hoher Affinität an den Sigma-1-Rezeptor (S1R) — einen intrazellulären Rezeptor, der eine zentrale Rolle in der Immunregulation und Entzündungshemmung spielt. Über diesen Weg dämpft Fluvoxamin die chronisch persistierende Entzündungsreaktion, die bei Long COVID nachgewiesen ist — unabhängig davon, ob Betroffene gleichzeitig depressiv sind oder nicht. Die Studie selbst hält ausdrücklich fest, dass weitere Studien mit biologischen Messparametern klären müssen, über welchen Mechanismus die Wirkung genau vermittelt wird.
Off-Label-Behandlung bei Long COVID
Der Einsatz bei Long COVID erfolgt derzeit als Off-Label-Anwendung — also außerhalb der zugelassenen Indikationen. Das ist medizinisch und rechtlich möglich, erfordert aber eine individuelle ärztliche Entscheidung, eine entsprechende Aufklärung und eine Einzelfallabwägung.

Dosierung und Eindosierung
In der REVIVE-TOGETHER-Studie wurde Fluvoxamin in einer Dosis von 100 mg zweimal täglich eingesetzt. In der klinischen Praxis wird bei SSRIs grundsätzlich eine langsame Eindosierung empfohlen, um gastrointestinale Nebenwirkungen (Übelkeit, Magenbeschwerden) zu minimieren. Typischerweise beginnt man mit einer niedrigeren Dosis (z. B. 50 mg einmal täglich) und steigert diese über einige Wochen auf die Zieldosis.
Empfohlene Untersuchungen vor der Behandlung
Vor einer Therapie mit Fluvoxamin sollten folgende Untersuchungen vorliegen:
Blutbild (inkl. Leber- und Nierenwerte): Fluvoxamin wird hepatisch metabolisiert; bei eingeschränkter Leberfunktion ist Vorsicht geboten.
EKG: zur Beurteilung des QTc-Intervalls (SSRIs können in seltenen Fällen QT-Verlängerungen verursachen).
Medikamentenanamnese: Fluvoxamin ist ein starker CYP1A2- und CYP2C19-Inhibitor und hat ein relevantes Wechselwirkungspotenzial — insbesondere mit Blutverdünnern (Warfarin), Theophyllin, bestimmten Antidepressiva und anderen CYP-substrat-haltigen Medikamenten.
Psychiatrische Anamnese: bei Hinweisen auf bipolare Störung oder Suizidalität ist eine fachpsychiatrische Einschätzung vor Therapiebeginn erforderlich.
Was bei Long COVID nicht untersucht wurde
Die Studie hat Grenzen, die für die Einordnung wichtig sind:
PEM wurde nicht gemessen. Post-Exertional Malaise — die charakteristische Zustandsverschlechterung nach körperlicher oder geistiger Belastung — ist das Kernsymptom von ME/CFS und Long COVID. Ob Fluvoxamin dieses zentrale Symptom beeinflusst, wurde nicht erfasst.
Psychiatrische Vorerkrankungen wurden ausgeschlossen. Wer bereits ein Antidepressivum nimmt oder eine unkontrollierte psychiatrische Erkrankung hat, war nicht Teil der Studie.
Kognitive Symptome (Brain Fog) wurden nicht als primärer Endpunkt gemessen.
Die Studie fand in Brasilien statt. Ob sich die Ergebnisse auf europäische Patientenpopulationen übertragen lassen, ist nicht durch weitere Studien bestätigt — biologisch gibt es keinen Grund, grundlegend andere Mechanismen zu erwarten.
Höhere Drop-out-Rate im Fluvoxamin-Arm (13 % bis Tag 90 vs. 6 % Placebo): Dies könnte das Ergebnis leicht in Richtung Fluvoxamin verzerren, schränkt die Aussagekraft aber nicht grundlegend ein.

Was ist mit Metformin in der Behandlung von Long COVID?
In der REVIVE-TOGETHER-Studie zeigte Metformin keinen signifikanten Nutzen bei bereits manifestem Long COVID — der Metformin-Arm wurde vorzeitig gestoppt. Dieses Ergebnis bezieht sich ausschließlich auf den Einsatz bei etablierter Long-COVID-Erkrankung und erlaubt keine Schlussfolgerungen über andere Einsatzkontexte oder Patientengruppen.
Einordnung: Wohin führt das?
Diese Studie ist ein wichtiger Schritt. Sie zeigt, dass es möglich ist, mit einem handhabbaren, zugelassenen Medikament messbar auf ein zentrales Long-COVID-Symptom einzuwirken. Der Sigma-1-Mechanismus rückt die chronische, niedriggradige Entzündung als Behandlungsziel weiter in den Fokus.
Was sie nicht ist: eine Lösung. Fluvoxamin lindert Fatigue, kuriert aber nicht die Grunderkrankung. Es braucht weitere Studien, die auch PEM, Brain Fog und die verschiedenen biologischen Subgruppen von Long COVID gezielt berücksichtigen. Die Berliner ME/CFS-Konferenz (Mai 2026) hat deutlich gemacht: Long COVID und ME/CFS sind keine einheitlichen Erkrankungen, sondern bestehen aus biologisch verschiedenen Subtypen. Zukünftige Therapieansätze werden biomarkerbasiert und individualisiert sein müssen.
Fluvoxamin ist ein vielversprechender Anfang — und ein Zeichen, dass die Forschung in diesem Bereich endlich Fahrt aufnimmt.
Zum Hintergrund
Die Studie wurde gefördert durch die McMaster University (Kanada) und das TOGETHER-Trial-Netzwerk, das bereits in der Pandemiephase adaptive klinische Studien zu COVID-19-Behandlungen durchgeführt hat.
Quelle: Reis G et al. The Effect of Fluvoxamine and Metformin for Fatigue in Patients With Long COVID: An Adaptive Randomized Trial. Ann Intern Med. 2026 May;179(5):621–628. doi: 10.7326/ANNALS-25-03959.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bitte besprechen Sie Therapiemöglichkeiten immer mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.


