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Vier Medikamente bei Long COVID jetzt auf Kassenrezept – was wurde freigegeben, und wie sinnvoll ist das?

  • Autorenbild: Dr. med. Kristina Schultheiß
    Dr. med. Kristina Schultheiß
  • 10. Aug.
  • 11 Min. Lesezeit

„Illustration: Vier Medikamentenflaschen mit den Aufschriften Ivabradin (bei PoTS), Metformin (zur Vorbeugung von Long COVID), Agomelatin (gegen Fatigue bei ME/CFS und Long COVID) und Vortioxetin (bei Brain Fog und depressiven Symptomen) vor einem Klemmbrett mit der Aufschrift Kassenrezept. Überschrift: Vier Medikamente bei Long COVID jetzt auf Kassenrezept – was wurde freigegeben, und wie sinnvoll ist das? Seit Juni 2026 können erstmals vier Wirkstoffe bei Long/Post-COVID – und teilweise bei ME/CFS – off-label zulasten der gesetzlichen Krankenkasse verordnet werden."

Seit Juni 2026 können erstmals vier Wirkstoffe bei Long/Post-COVID – und teilweise bei ME/CFS – off-label zulasten der gesetzlichen Krankenkasse verordnet werden: Ivabradin, Metformin, Agomelatin und Vortioxetin. Ein wichtiger Schritt nach Jahren ohne jede erstattungsfähige Therapieoption. Aber wie gut ist die Evidenz hinter den einzelnen Beschlüssen wirklich? Und warum fehlen Wirkstoffe wie Low Dose Naltrexon (LDN), Low Dose Aripiprazol (LDA) und Pyridostigmin, nach denen so viele Betroffene fragen? Eine kritische Einordnung.


Was ist passiert? Der G-BA-Beschluss bei Long COVID im Überblick

Bisher gab es kein einziges Medikament, das speziell für die Behandlung von Long/Post-COVID oder ME/CFS zugelassen war. Alles, was wir in der Praxis medikamentös einsetzen, geschieht daher „off-label" – also außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete. Für gesetzlich Versicherte bedeutete das bislang: Die Kasse zahlt in der Regel nicht, oder nur nach aufwendigem Einzelantrag mit ungewissem Ausgang.


Das hat sich nun geändert. Auf Empfehlung der Expertengruppe „Long COVID Off-Label-Use" beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 2. April 2026 vier Wirkstoffe in die Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie aufgenommen. Nach der Bekanntmachung im Bundesanzeiger sind die Beschlüsse am 11. Juni 2026 in Kraft getreten.


Was bedeutet das konkret?

  • Keine Einzelfallgenehmigung mehr nötig: Die Verordnung ist im Rahmen der definierten Indikation direkt zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung möglich.

  • Aber nur bestimmte Präparate: Verordnungsfähig sind ausschließlich Arzneimittel jener Hersteller, die gegenüber dem BfArM eine Haftungsübernahme für den Off-Label-Einsatz erklärt haben. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt muss also auf das „richtige" Präparat achten.

  • Enge Vorgaben: Für jeden Wirkstoff sind Indikation, Dosierung und Behandlungsdauer in der Anlage VI genau geregelt.


Wichtig zur Einordnung: Die Regelung betrifft die Erstattung durch die gesetzlichen Kassen. Medizinisch verordnen konnten wir diese Wirkstoffe off-label auch bisher schon – neu ist, dass gesetzlich Versicherte die Kosten nicht mehr selbst tragen müssen. Das ist gerade bei einer Erkrankung, die so viele Menschen aus dem Erwerbsleben reißt, ein echter Fortschritt.

Schauen wir uns die vier Wirkstoffe nun einzeln an – jeweils mit der offiziellen Begründung, der Studienlage und meiner persönlichen Einschätzung, die ich als solche klar kennzeichne.


1. Ivabradin – bei PoTS/Long COVID, wenn Betablocker nicht vertragen werden

Die Freigabe: Ivabradin kann bei COVID-19-assoziiertem Posturalem Orthostatischem Tachykardiesyndrom (PoTS) verordnet werden, wenn eine Therapie mit Betablockern nicht toleriert wird oder ungeeignet ist. Die empfohlene Standarddosierung liegt bei 2 × 5 mg täglich; wegen der bei PoTS oft ausgeprägten orthostatischen Intoleranz wird ein einschleichender Beginn mit 2,5 mg morgens empfohlen.


Der Wirkmechanismus: Ivabradin hemmt selektiv den If-Kanal („Funny Channel") im Sinusknoten und senkt dadurch rein die Herzfrequenz – ohne den Blutdruck zu beeinflussen und ohne die für Betablocker typische Müdigkeit und Leistungsminderung. Genau das macht es beim PoTS so interessant: Die quälende Tachykardie beim Aufstehen wird gebremst, ohne den ohnehin oft niedrigen Blutdruck weiter zu senken.


Die Evidenz: Die Datenlage besteht aus einer nicht-randomisierten Studie speziell bei COVID-assoziiertem PoTS sowie einer kleineren Crossover-Studie beim hyperadrenergen PoTS. Das ist keine überwältigende Studienbasis – aber der Wirkmechanismus ist eindeutig, der Effekt auf die Herzfrequenz gut messbar, und die klinische Erfahrung mit Ivabradin beim PoTS ist international breit.

Meine persönliche Einschätzung: Aus kardiologischer Sicht halte ich diese Freigabe für sehr sinnvoll. Ivabradin ist beim postinfektiösen PoTS seit Jahren ein bewährter Baustein, und dass Betroffene es nun ohne Kostenrisiko erhalten können, ist ein Gewinn. Ein Wermutstropfen: Die Freigabe gilt formal nur für PoTS nach COVID-19 – Betroffene mit PoTS nach anderen Infektionen bleiben vorerst außen vor.

2. Metformin – zur Vorbeugung von Long COVID (nicht zur Behandlung!)

Die Freigabe: Metformin kann zur Prophylaxe von Long/Post-COVID eingesetzt werden – und zwar bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren mit dem Risikofaktor Übergewicht/Adipositas (BMI > 25), wenn die Behandlung innerhalb von 3 Tagen nach Diagnose einer akuten SARS-CoV-2-Infektion beginnt und die COVID-Symptome noch keine 7 Tage bestehen.


Der Hintergrund: Grundlage ist vor allem die große randomisierte COVID-OUT-Studie, in der Metformin, früh in der Akutinfektion gegeben, das Risiko für die spätere Entwicklung von Long COVID um rund 40 % senkte. Diskutierte Mechanismen sind unter anderem eine Hemmung der viralen Replikation über den mTOR-Signalweg sowie antiinflammatorische Effekte.


Ganz wichtig zu verstehen: Metformin ist hier kein Behandlungsansatz für bereits bestehendes Long COVID oder ME/CFS. Das Zeitfenster ist bewusst eng auf die frühe Akutinfektion begrenzt. Wer bereits erkrankt ist, profitiert von dieser Freigabe nicht direkt – aber sie ist relevant für Reinfektionen: Wer schon Long COVID hat und sich erneut infiziert, sollte diese Option mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen.

Meine persönliche Einschätzung: Auch diese Freigabe halte ich für sehr sinnvoll. Die Studienlage ist hier – für Long-COVID-Verhältnisse – vergleichsweise gut: eine große, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit klarem Effekt. Metformin ist günstig, seit Jahrzehnten erprobt und gut verträglich. Dass Prävention endlich mitgedacht wird, ist ein wichtiges Signal. Zwei Ergänzungen aus meiner Praxis: Erstens halte ich die frühe Metformin-Gabe gerade auch dann für sinnvoll, wenn bereits ein Long COVID besteht und es zu einer Reinfektion kommt – jede erneute Infektion birgt das Risiko einer Verschlechterung, und genau hier würde ich die Prophylaxe nutzen. Zweitens gibt es bei Long COVID häufig Komorbiditäten – etwa eine Insulinresistenz oder ein metabolisches Syndrom –, bei denen ein dauerhafter Metformin-Einsatz erwägenswert sein kann. Dafür gibt es allerdings, das muss man klar sagen, bei Long COVID keine Studien; das ist eine individuelle Abwägung anhand der Begleiterkrankungen, keine belegte Long-COVID-Therapie.


„Infografik in zwei Teilen. Oben: Die vier Wirkstoffe im Überblick mit Indikation, Dosierung und Ziel. 1. Ivabradin bei PoTS – senkt die Herzfrequenz ohne den Blutdruck zu beeinflussen, 2 × 5 mg täglich, einschleichend beginnen mit 2,5 mg morgens. 2. Metformin zur Vorbeugung von Long COVID – kann das Risiko nach akuter COVID-Infektion verringern (Risikofaktor Übergewicht/Adipositas), 850 mg 2–3 × täglich, Beginn innerhalb von 3 Tagen nach Infektionsdiagnose. 3. Agomelatin gegen Fatigue bei ME/CFS und Long COVID – resynchronisiert den zirkadianen Rhythmus, 25–50 mg abends, Leberwerte zu Beginn und im Verlauf kontrollieren. 4. Vortioxetin bei Brain Fog und depressiven Symptomen – 5–20 mg täglich, individuell einschleichen. Hinweis: Alle vier Wirkstoffe werden off-label eingesetzt und sind auf bestimmte Präparate mit Haftungsübernahme beschränkt.

3. Agomelatin – gegen Fatigue bei ME/CFS und Long COVID

Die Freigabe: Agomelatin – regulär als Antidepressivum zugelassen – kann zur Behandlung der Fatigue bei postinfektiöser ME/CFS und bei Long/Post-COVID verordnet werden. Es ist damit der einzige der vier Wirkstoffe, dessen Freigabe ausdrücklich auch ME/CFS einschließt – unabhängig davon, ob die Erkrankung durch COVID ausgelöst wurde.


Der Wirkmechanismus – und warum es nicht einfach „Melatonin in teuer" ist: Agomelatin wirkt als Agonist an den Melatoninrezeptoren MT1 und MT2 und resynchronisiert damit den zirkadianen Rhythmus – so weit ähnelt es Melatonin. Zusätzlich blockiert es aber den Serotoninrezeptor 5-HT2C, was die Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin speziell im frontalen Kortex erhöht. Es kombiniert also einen schlafanstoßenden, rhythmusstabilisierenden Effekt am Abend mit einem aktivierenden, antriebssteigernden Effekt am Tag. Auf die Serotonin-Wiederaufnahme hat es – anders als SSRI – keinen Einfluss.


Die Evidenz: Die zentrale Studie (Pardini et al., 2014) ist ein randomisierter Crossover-Vergleich bei 62 ME/CFS-Patient:innen über 12 Wochen – und der Vergleichsarm war interessanterweise retardiertes Melatonin (10 mg). Agomelatin (50 mg) schnitt bei Fatigue-Schwere und Lebensqualität besser ab als Melatonin allein. Die naheliegende Frage „Kann man dann nicht einfach Melatonin geben?" wurde also in genau dieser Studie untersucht – mit dem Ergebnis, dass Agomelatin überlegen war.


Aber – und das muss man ehrlich sagen: Es handelt sich um eine einzige, kleine Studie ohne Placebo-Arm, die über zehn Jahre alt ist. Für Long/Post-COVID selbst existiert nur unterstützende Evidenz niedrigerer Qualität. Zudem ist bei Agomelatin die Leberverträglichkeit zu beachten: Der G-BA-Beschluss sieht ausdrücklich Leberfunktionstests zu Behandlungsbeginn und im Verlauf vor.

Meine persönliche Einschätzung: Agomelatin ist für mich auf jeden Fall einen Versuch wert – bei der passenden Symptomkonstellation und den passenden Komorbiditäten. Wer neben der Fatigue einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus, nicht erholsamen Schlaf oder eine begleitende depressive Symptomatik hat, kann von einem Therapieversuch profitieren; der Mechanismus ist plausibel, und der direkte Vergleich mit Melatonin spricht tatsächlich für Agomelatin. Eine klare Empfehlung lässt sich aus einer einzigen kleinen Crossover-Studie aber nicht ableiten. Ich würde es als individuellen, zeitlich begrenzten Versuch mit klaren Kriterien einordnen (Spricht die Fatigue an? Bleiben die Leberwerte stabil? Wird es PEM-verträglich vertragen?) – nicht als Standardtherapie der Fatigue.

4. Vortioxetin – bei Brain Fog und depressiven Symptomen bei Long COVID

Die Freigabe: Vortioxetin – ebenfalls regulär als Antidepressivum zugelassen – kann bei kognitiven Beeinträchtigungen und/oder depressiven Symptomen im Rahmen von Long/Post-COVID verordnet werden.


Die Rationale: Vortioxetin ist ein „multimodales" Antidepressivum, das neben der Serotonin-Wiederaufnahmehemmung an mehreren Serotoninrezeptoren angreift und in Depressionsstudien die am besten dokumentierten Effekte auf die kognitive Leistung (Konzentration, Verarbeitungsgeschwindigkeit) seiner Klasse zeigt. Zusätzlich werden antiinflammatorische Eigenschaften diskutiert – allerdings überwiegend aus Laborstudien.


Die Evidenz – hier lohnt sich der genaue Blick: Grundlage der Freigabe ist eine kanadische randomisierte, placebokontrollierte Studie (McIntyre et al., 2024) mit 149 Long-COVID-Betroffenen über 8 Wochen. Das Ergebnis fällt deutlich gemischter aus, als die Freigabe vermuten lässt:


  • Der primäre Endpunkt – die Verbesserung der kognitiven Funktion im Gesamtkollektiv – wurde nicht erreicht. Beide Gruppen, auch die Placebogruppe, verbesserten sich im Testverfahren ähnlich stark (was zum Teil schlicht ein Übungseffekt sein dürfte).

  • Ein signifikanter Vorteil zeigte sich erst in statistisch adjustierten Modellen sowie in der Untergruppe mit erhöhtem Entzündungsmarker CRP.

  • Klar positiv waren dagegen die sekundären Endpunkte: depressive Symptome und Lebensqualität besserten sich unter Vortioxetin signifikant stärker als unter Placebo.

  • Die Studie war kleiner als geplant (unterpowert), stratifizierte nicht nach vorbestehender kognitiver Beeinträchtigung – und wurde vom Hersteller Lundbeck gesponsert.


Hinzu kommt ein sehr praktisches Problem: Vortioxetin (Brintellix®) ist in Deutschland seit Jahren außer Vertrieb und muss über internationale Apotheken importiert werden – selbst Befürworter der Freigabe weisen darauf hin, dass die Verfügbarkeit hierzulande nicht gesichert ist.

Meine persönliche Einschätzung: Hier bin ich skeptisch. Eine Freigabe, die sich im Kern auf eine Studie mit verfehltem primärem Endpunkt und auf Subgruppenanalysen stützt, halte ich für wackelig. Was mich zusätzlich stört, ist die Konnotation, die dadurch entsteht: als ließe sich Long COVID mit einem Antidepressivum behandeln. Das ist nicht der Fall – ME/CFS und Long COVID sind organische Multisystemerkrankungen, und ein Antidepressivum ist hier keine Kausaltherapie. Dann stellt sich aber die Frage, warum es ausgerechnet Vortioxetin sein muss: Auch andere Antidepressiva wie SSRI oder SNRI können in dieser Situation helfen und sind in Deutschland problemlos verfügbar. Hier gibt es z. B. eine neue Studie mit Fluvoxamin. Die Wahl des Präparats sollte sich an der individuellen Situation orientieren, nicht daran, was gerade auf einer Liste steht. Und wie bei jedem antriebssteigernden Medikament gilt: Eine gefühlte Verbesserung darf nicht dazu verführen, die eigenen Belastungsgrenzen zu überschreiten – sonst droht der PEM-Crash.
Warum fehlen LDN, LDA und Pyridostigmin? LDN (Low Dose Naltrexon): grundsätzlich positiv bewertet, die Expertengruppe wartet aber das Ergebnis einer laufenden kanadischen randomisierten Studie ab. LDA (Low Dose Aripiprazol): vielversprechend in retrospektiven Studien, aktuell keine randomisierten kontrollierten Studien. Pyridostigmin: klinisch etabliert bei PoTS und orthostatischer Intoleranz, aber ohne ausreichend große randomisierte Studien. Die Expertengruppe betont: Laufende Studien können zu einer Erweiterung der Liste führen."

Was ist mit LDN, LDA und Pyridostigmin auf Kassenrezept? Die Fragen, die viele stellen

In meiner Sprechstunde – und in den Kommentaren unter fast jedem Beitrag zu diesem Thema – tauchen dieselben Fragen auf: Warum steht Low Dose Naltrexon (LDN) nicht auf der Liste? Was ist mit Low Dose Aripiprazol (LDA)? Und mit Pyridostigmin? Es geht dabei nicht nur einzelnen so – diese Wirkstoffe gehören zu den meistdiskutierten Off-Label-Optionen in der gesamten Community. Gehen wir sie der Reihe nach durch.


LDN bei Long COVID und ME/CFS: nicht abgelehnt, sondern vertagt. 

Das ist die wichtigste Botschaft. Die Expertengruppe hatte LDN bereits 2025 grundsätzlich positiv für die Behandlung der Fatigue bewertet. Sie hat dann aber bewusst entschieden, vor einer finalen Empfehlung an den G-BA das Ergebnis einer laufenden kanadischen doppelblinden, randomisierten Studie (British Columbia) abzuwarten. Im Abschlussbericht vom Oktober 2025 heißt es ausdrücklich, das Thema sei nicht abgeschlossen – laufende Studien, unter anderem zu LDN, böten die Chance auf eine baldige Erweiterung der Liste. Ergebnisse werden zum Teil noch in diesem Jahr erwartet.


Die bisherige LDN-Evidenz besteht aus konsistent positiven, aber überwiegend unkontrollierten Studien – etwa einer irischen Verlaufsstudie mit 52 Long-COVID-Betroffenen – sowie zunehmend interessanten Mechanismusdaten: Eine australische Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass LDN die gestörte Funktion der TRPM3-Ionenkanäle in natürlichen Killerzellen von Long-COVID-Patient:innen wiederherstellt – ein Befund, der direkt an eine der zentralen pathophysiologischen Hypothesen bei ME/CFS anknüpft.


Hier zeigt sich die Logik – und die Härte – des Systems: Agomelatin und Vortioxetin schafften es auf die Liste, weil jeweils eine randomisierte Studie vorlag (wie belastbar auch immer). LDN mit seinen durchweg positiven, aber unkontrollierten Daten muss warten, bis die randomisierte Studie abgeschlossen ist. Formal nachvollziehbar – für Betroffene, die LDN seit Jahren aus eigener Tasche bezahlen, verständlicherweise frustrierend.

Meine persönliche Einschätzung: Ich setze LDN in der Praxis seit Langem ein und halte es – bei richtiger, einschleichender Dosierung – für einen der sinnvollsten medikamentösen Bausteine bei ME/CFS und Long COVID überhaupt: gut verträglich, günstig, mit plausiblem immunmodulierendem Mechanismus. Dass es (noch) nicht auf der Liste steht, sagt aus meiner Sicht nichts über seinen Stellenwert aus – sondern nur etwas über den Stand der Studienbürokratie. Ich rechne damit, dass sich das ändern kann, sobald die kanadischen Daten vorliegen.

LDA (Low Dose Aripiprazol) bei Long COVID und ME/CFS: vielversprechend, aber ohne kontrollierte Studien. 

Aripiprazol ist regulär als Antipsychotikum zugelassen – was in diesem Kontext zunächst irritiert. In sehr niedrigen Dosen (etwa 0,2–2 mg statt der üblichen 10–30 mg) wirkt es jedoch pharmakologisch völlig anders: als partieller Dopamin-Agonist, der einen erschöpften dopaminergen Tonus eher stabilisiert als blockiert, mit zusätzlich diskutierten Effekten auf die Neuroinflammation – also genau auf jene chronische Aktivierung von Mikroglia, die bei ME/CFS und Long COVID in Bildgebungsstudien nachgewiesen wurde. Die bekannteste Datenquelle ist eine retrospektive Auswertung der Stanford University: Von 101 ME/CFS-Patient:innen unter LDA (im Mittel 1,1 mg/Tag) berichteten 74 % eine Verbesserung in mindestens einer Symptomkategorie – Fatigue, Brain Fog, nicht erholsamer Schlaf oder PEM-Häufigkeit.


Zur Ehrlichkeit gehört aber auch hier der kritische Blick: Es handelt sich um retrospektive Beobachtungsdaten ohne Kontrollgruppe. Eine neuere Stanford-Auswertung von 2026 an 50 Long-COVID-Patient:innen fiel deutlich nüchterner aus – nur 22 % zeigten eine klinisch bedeutsame Verbesserung, 12 % verschlechterten sich, die Mehrheit blieb unverändert. Und aus der Praxis wie aus Betroffenenberichten ist bekannt, dass der Effekt bei einem Teil der Anwender:innen nach einiger Zeit nachlassen kann. Randomisierte kontrollierte Studien fehlen bislang – womit LDA für den Kassenweg über die Anlage VI auf absehbare Zeit nicht infrage kommt. Wer tiefer einsteigen möchte: Ich habe LDA in einem eigenen Blogbeitrag ausführlich besprochen.

Meine persönliche Einschätzung: LDA gehört für mich – richtig ausgewählt, sehr niedrig begonnen und langsam titriert – zu den interessanteren Off-Label-Optionen, gerade bei ausgeprägtem Brain Fog, Reizempfindlichkeit und PEM. Die uneinheitliche Datenlage zeigt aber: Es ist ein Versuch mit offenem Ausgang, kein Selbstläufer – und es bleibt bis auf Weiteres eine Selbstzahler-Option.

Pyridostigmin bei Long COVID und ME/CFS und PoTS: klinisch etabliert, formal (noch) unsichtbar. 

Pyridostigmin, ein Cholinesterasehemmer, verbessert die Signalübertragung im autonomen Nervensystem und wird international seit Jahren beim PoTS und bei orthostatischer Intoleranz eingesetzt – gerade dann, wenn die Herzfrequenz gebremst werden soll, ohne den Blutdruck zu senken. Kleine Studien, unter anderem aus der Harvard-Arbeitsgruppe um David Systrom, zeigten zudem Verbesserungen der Belastungsphysiologie bei ME/CFS. Für den Kassenweg über die Anlage VI fehlen aber auch hier randomisierte Studien in ausreichender Größe – Pyridostigmin taucht in den aktuellen Beschlüssen daher nicht auf.

Meine persönliche Einschätzung: Für Betroffene mit Dysautonomie und orthostatischer Intoleranz halte ich Pyridostigmin für einen mindestens ebenso diskussionswürdigen Kandidaten wie manches, was jetzt freigegeben wurde. Es bleibt vorerst eine Off-Label-Option ohne Kassenerstattung, die im Einzelfall sorgfältig abgewogen werden muss.

Fazit: Ein Meilenstein bei Long COVID und ME/CFS mit Licht und Schatten – und Pacing bleibt die Basis

Man kann diesen Beschluss aus zwei Richtungen betrachten – und beide stimmen:


Das Positive: Zum ersten Mal überhaupt gibt es erstattungsfähige, klar geregelte medikamentöse Optionen für Long/Post-COVID – und mit Agomelatin sogar erstmals eine, die ME/CFS ausdrücklich einschließt. Das System hat anerkannt, dass hier ein riesiger, ungedeckter Versorgungsbedarf besteht. Ivabradin und Metformin halte ich persönlich für gut begründete Freigaben.


Das Kritische: Bei Agomelatin und Vortioxetin ist die Evidenz deutlich dünner, als eine offizielle „Kassenfreigabe" suggeriert – im Fall von Vortioxetin stützt sie sich auf eine Studie, die ihr eigentliches Ziel verfehlt hat. Gleichzeitig warten Wirkstoffe wie LDN, die viele Behandler:innen und Betroffene aus guter Erfahrung kennen, weiter auf ihre formale Anerkennung.


Und das Wichtigste zum Schluss: Kein Medikament ersetzt das Pacing. Auch die Expertengruppe selbst betont, dass bei allen Interventionen die individuellen Belastungsgrenzen respektiert werden müssen und die Vermeidung von Überlastung – Stichwort Post-Exertionelle Malaise (PEM) – für viele Betroffene entscheidend bleibt. Medikamente können einzelne Symptome und Mechanismen adressieren; die Grundlage jeder Behandlung bei Long COVID und ME/CFS bleibt ein sorgfältiges Energiemanagement. Und: Bitte beginnen oder verändern Sie keines dieser Medikamente in Eigenregie – jede dieser Optionen gehört in eine individuelle ärztliche Abwägung, gerade bei Mehrfachmedikation, MCAS oder ausgeprägter PEM.

Ob und welcher dieser Wirkstoffe für Sie infrage kommt, besprechen wir gerne individuell in der Sprechstunde.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Die als „persönliche Einschätzung" gekennzeichneten Passagen geben meine ärztliche Meinung auf Basis der aktuellen Studienlage und meiner klinischen Erfahrung wieder.


Quellen (Auswahl)

  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Pressemitteilung vom 02.04.2026 – „Long/Post-COVID: Vier Wirkstoffe werden im Off-Label-Use verordnungsfähig" (g-ba.de)

  • Anlage VI zur Arzneimittel-Richtlinie, Fassung in Kraft getreten am 11.06.2026 (g-ba.de)

  • BfArM: Expertengruppe Long COVID Off-Label-Use – Empfehlungen und Bewertungen zu Agomelatin, Ivabradin, Metformin und Vortioxetin (bfarm.de)

  • Pardini M et al.: Agomelatine but not melatonin improves fatigue perception – Crossover-RCT bei ME/CFS, 2014

  • McIntyre RS et al.: Vortioxetine for the treatment of post-COVID-19 condition: a randomized controlled trial. Brain 2024;147:849–857

  • Bramante CT et al. (COVID-OUT): Outpatient treatment of COVID-19 and incidence of post-COVID-19 condition over 10 months. Lancet Infectious Diseases 2023

  • O'Kelly B et al.: Safety and efficacy of low dose naltrexone in a long covid cohort. Brain Behav Immun Health 2022

  • Sasso EM et al.: Low-dose naltrexone restored TRPM3 ion channel function in natural killer cells from long COVID patients. Front Mol Biosci 2025

  • BfArM: Ergebnisprotokoll der 14. Sitzung der Expertengruppe Long COVID Off-Label-Use (13.08.2025) – Beschluss, die kanadische LDN-Studie abzuwarten

  • Crosby LD et al.: Off label use of aripiprazole shows promise as a treatment for ME/CFS: a retrospective study of 101 patients treated with a low dose of aripiprazole. J Transl Med 2021;19:50

  • Cui J, Bonilla HF et al.: Low-Dose Aripiprazole is a Promising Drug for Long COVID Treatment: A Retrospective Observational Study. Open Forum Infect Dis 2026 (Poster P-1610)

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